Was ist Co-Abhängigkeit?

Was ist Co-Abhängigkeit?

Ein realistisches Märchen

Zum besseren Verständnis, wie Co-Abhängigkeit entsteht, erzähle ich dir eine neue Version vom Froschkönig. Du kennst das Märchen sicher…

Das ist das Märchen vom Frosch, der Prinzessin und dem König. Der hässliche, schleimige dicke Frosch symbolisiert den Süchtigen. Dieser verlangt für eine Kleinigkeit, und zwar die goldene Kugel aus dem Brunnen zu holen, alles Mögliche von der Prinzessin: er möchte an ihrem Tisch sitzen, von ihrem Teller essen, aus ihrem Becher trinken und als Krönung auch noch in ihr Bett. So ticken Süchtige: Sie übernehmen die Verantwortung für ihr Leben nicht an. Sie sind ständig mit ihrem eigenen Suchtbedürfnis beschäftigt. Alle anderen Angelegenheiten vernachlässigen sie und wälzen sie auf Menschen ab, die sich stellvertretend darum kümmern. Das ist das Suchtthema.

Nun gibt es in dem Märchen weitere Figuren, die das Umfeld eines Süchtigen spiegeln. Sie stehen stellvertretend für die Prinzessin und ihren Vater, den König. Der König (stellvertretend für ein Elternteil) ist streng mit der Prinzessin und verlangt von ihr sich an ihr Wort zu halten. Der Frosch habe ihr geholfen und nun müsse sie sich an ihren Teil der Abmachung halten, zu ihrem Wort stehen. Also lässt die Prinzessin den Frosch mit am Tisch sitzen, vom Teller essen und aus dem Becher trinken. Doch als er das Letzte verlangt, nämlich mit in ihr Bett zu dürfen, packt sie der Ekel, die Abscheu, die Wut. In Ihrer Verzweiflung wirft sie den Frosch mit aller Kraft an die Wand.

So befreit sich die Prinzessin von den süchtigen Ansprüchen des Frosches und der Bevormundung durch den König. Durch diese mutige Tat entkommt sie dem Gefängnis und beginnt ein neues, aufregendes und eigenes Leben am Königshofe. Sie tat genau das Richtige! Sie tat dies für sich.

Die co-abhängige Version des Märchens

Eine Prinzessin trifft einen Frosch. Sie kennt das Märchen vom Froschkönig und glaubt daran, dass der Frosch in Wahrheit ein verwunschener Prinz ist. So nimmt sie ihn und küsst ihn mit all ihrer Hoffnung, dass nun der Zauber seine Wirkung zeigt und aus dem hässlichen Frosch ein Retter wird. Da dies nicht beim ersten mal geschieht, überlegt sie sich, was sie übersehen haben könnte. So ändert sie permanent ihre Taktik und küsst den Frosch wieder und wieder voller Sehnsucht nach ihrem Helden. Dabei merkt sie nicht, dass sie zur Fröschin wird.

Schon traurig oder? Als ich diese Geschichte zum ersten Mal las, wusste ich nicht, ob ich weinen oder lachen sollte. Aber das ist die Lebensrealität von co-abhängigen Menschen, die mit dem ersten Kuss einen langen Leidensweg beginnen.

Ein Wort an dich

Wenn du betroffen bist, hast du es einfach schwer. Du leidest - jeden verdammten Tag. Die Situation ist verfahren. Du machst dir ständig Sorgen um den Suchtkranken und schämst dich für ihn. Die Situation ist deinem Empfinden nach schier ausweglos. Vielleicht bist sogar schon sehr verzweifelt?

Alle Verantwortung liegt bei dir. Er täuscht dich obendrein (um dich bei der Stange zu halten). Er manipuliert dich, beschuldigt dich und wertet dich ab. Und du? Du erträgst das alles irgendwie. Du hast keine Freizeit mehr, bist seinen Launen ausgesetzt und schiebst rund um die Uhr Stress. Das wiederum verschafft dir eine Menge Probleme und kann dich im schlimmsten Fall sehr krank machen.

Du weißt nicht mehr wo dir der Kopf steht, was richtig und was falsch ist. Du hast dein Maß für dein Engagement verloren. Alles dreht sich um ihn. Tagein - tagaus. All deine Gedanken drehen sich nur um diese eine Frage: Wie kannst du ihm helfen von der Sucht los zu kommen? Es geht schon lange nicht mehr um dich. Es geht nur noch um ihn.

So geht dein Gefühl für dich selbst verloren. Durch seine Sucht werden deine Werte, Gefühle und Gedanken durch den Fleischwolf gedreht, um sich dann aufzulösen. So bist du von der Sucht mitbetroffen. Und diese Mit-Betroffenheit heißt Co-Abhängigkeit.

Du solltest wissen, dass du dein co-abhängiges Lebensmuster nicht einfach ablegst, wenn du dich beispielsweise getrennt hast. In der Trennung hast du den Frosch gegen die Wand geworfen. Nun gilt es dieses ganze Trauma aufzuarbeiten, die Perspektiven zu gestalten, wieder in Kontakt mit dir selbst zu kommen.

Du kannst das co-abhängige Verhalten auch an deine Kinder weitergeben, denn sie lernen von dir wie das Leben ist und wie “man” damit umgeht. Das bedeutet: Selbst wenn du im Erwachsenenalter gar nichts mit Sucht in deinem Umfeld zu tun hast,ist es möglich, dass du es von den vorhergehenden Generationen übernommen hast.

Meiner persönlichen Einschätzung nach kann Co-Sucht auch als Folge von chronisch erkrankten Eltern entstehen. Die Mutter, die Zeit deines Lebens depressiv ist, prägte dein Leben nachhaltig. Sicher musstest du schon viel zu früh viel zu viel Verantwortung übernehmen. Du hast alles getan, um deiner Mutter zu helfen und dich dabei vergessen. Es hat dir ja auch keiner erzählt, dass es noch andere Möglichkeiten gibt, dein Leben zu leben.

So hat Co-Abhängigkeit viele Seiten und ist individuell geprägt. Zur Übersichtlichkeit erläutere ich hier nur 3 Merkmale, die für meine Co-Sucht im Vordergrund standen und die ich für absolut elementar halte.  

Die Außenorientierung

Du fühlst dich für andere verantwortlich, übernimmst die Verantwortung für sie, aber auch für deren Gefühle, deren Wohlergehen und deren gesamtes Schicksal.

Du fühlst dich getrieben anderen Menschen helfen zu wollen, schließlich kennst du den Weg und die Lösung. Du bist nicht aus Watte und nur die Harten kommen in den Garten. Du wartest nicht erst ab bis man dich um Rat fragt. Du machst einfach, denn du meinst es ja nur gut. So reißt du viele Aufgaben und Verantwortung ungefragt an dich. Merkst, dass du es nicht wirklich schaffen kannst und beschwerst dich dann, die anderen könnten ja auch mal was machen. Springen die dann nicht, wie du das willst, fühlst du dich sofort ungerecht behandelt und nicht gesehen. Es bleibt das Gefühl du bist dem anderen Menschen nichts wert. Du fühlst dich ausgenutzt und benutzt. Du fühlst dich als Opfer der Umstände. Und die anderen sind schuld. Sie müssten sich ja nur anders verhalten, dann ging es dir gleich besser.

Und so tust du alles, was dir etwas geben könnte. Etwas Glück, etwas Liebe, etwas Anerkennung.

Das Bild, das andere von dir haben (und wahrscheinlich du selbst auch) ist: Boah - ist die taff! Was die alles hinkriegt! Hut ab! Kinder, Karriere, Mann, Haushalt und den Vorstandsposten beim Gesangverein. Ja - du bist eine Macherin. Du weißt wo vorne ist, kennst die Menschen, ihre Probleme und die Lösung auch.

Die Kontrolle

Was als Kontrolle des Süchtigen begann, zieht nun weitere Kreise. Du kannst die Menschen und auch Situationen nicht einfach so-lassen. Du siehst überall Probleme oder zumindest Verbesserungspotenziale.Du bewertest die Menschen und hast auch gleich die Lösung wie sie diese Bewertung ins Positive verkehren können.

Du fängst nun an zu manipulieren mit Hilflosigkeit, Zwang, Drohung und Macht. “Schau mal wie schlecht es mir geht! Das ist nur so, weil du mich nicht mehr beachtest!” Andere Menschen fühlen sich so unter Druck gesetzt. Die emotionale Waffe eben. Das, was du hier suchst, wirst du niemals dort finden!

Es gibt starre Familienregeln. Und du hast sie aufgestellt. Natürlich hast du die anderen nicht gefragt. Warum auch? Denen muss man schon sagen, was Phase ist, sonst läuft ja nix. Du brauchst diese Kontrolle, weil deine Welt sonst aus den Fugen gerät.

Die Unehrlichkeit

Du brauchst die Lügen genauso wie die übermäßige Kontrolle, wobei eins das andere sowieso bedingt. Was begann, um dem Umfeld klar zu machen, dass zu Hause alles Bestens läuft, musstest du lügen. “Nee, der muss ich mal ausschlafen, der arbeitet ja so viel.” Ist eine gern genommene Entschuldigung für die Abwesenheit eines betrunkenen Mannes.

Später brauchst du diese Geschichten, um zu glänzen. Damit die Leute dich lieben. Aber vor allem: Damit du dich der Wahrheit nicht stellen musst. Deiner Wahrheit - alles, was in dir schreit, ruft und anerkannt werden will.

Allgemein neigen co-abhängige Menschen stets dazu traurig zu sein, weil sie um alles kämpfen müssen. Sie bemerken, dass sie eine magische Anziehungskraft auf bedürftige Menschen haben. Co-abhängige Frauen ergreifen in 80% einen helfenden Beruf. Ihre Co-Abhängigkeit mündet oft auch in eine stoffliche Sucht.

Werde aktiv

Jetzt hast du so viel über Co-Abhängigkeit gehört. An manchen Stellen hast du geschluckt. Manches ist dir noch nicht so klar. Da hilft: Stelle. Lass diesen Beitrag wirken, lies ihn nochmal. Überlege, ob es möglich ist, dass du co-abhängiges Verhalten zeigst. Du kannst dazu auch einen Test machen, den ich als Download auf meine Homepage gestellt habe.

Bis nächste Woche ein neues Thema erscheint, schreibe doch deine Geschichte mal auf. Nicht so in einem Rutsch, und auch nicht druckreif. Es geht hier nur um eine Bestandsaufnahme deiner Situation. Beschreibe, das, was du erlebt hast oder noch erlebst. Es geht nur darum, dass dir deine Geschichte mal gewahr wird.

Wenn es dir leichter fällt, schreibe sie für mich. Erzähle mir was von dir. Hebe dieses Schriftstück auf, es kann später immer noch einmal hilfreich sein. Du kannst mir deine Geschichte auch als E-Mail schicken. Ich werde deine E-Mail Adresse garantiert weder an Dritte weiter geben noch für mich für einen anderen Zweck nutzen. Ich werde dann diese Geschichten immer mal wieder in Beiträgen von mir auf anonyme Art und Weise aufgreifen.

Zurück zur Übersicht

Zurück