Annett Wagner

Über mich

Ich habe etwa 19 Jahre in einer suchtbelasteten Familie gelebt. Mein Vater war Alkoholiker. Ich habe also nie etwas anderes gelernt, als mich co-abhängig zu verhalten. Meine co-abhängigen Verhaltensweisen bauten sich stetig unbewusst weiter aus. Ich wollte stets höher, weiter, schneller. Was mich nicht tötet, macht mich nur härter war mein Wahlspruch. Und da ein Studium neben Job und zwei kleinen Kindern sowie einem Mann, der nie für etwas Zeit hatte, nicht tötet, habe ich immer weiter gemacht. Eine fette Karriere. Den Sprung in die Selbständigkeit. Ich habe mich stets “re-organisiert”, selbst optimiert, mein Zeitmanagement effizienter gestaltet.

Ich war wirklich sehr erfolgreich und dennoch unglücklich: Meine Ehe stand vor dem Aus. Er änderte sich einfach nicht. Auch nicht aus Liebe zu mir. Dann kam ein “Arschengel” und mein Leben wurde zur Hölle. Jetzt trampelte sie auch noch auf mir rum. Was ich von ihr hörte, tat so unendlich weh. Dabei habe ich stets alles für sie getan. Es raubte mir die letzte Kraft. Ich habe wirklich gedacht ich würde verrückt werden. Mein Leben drehte sich nur noch um die Frage: Was läuft mit meinem Arschengel falsch? Ist sie ernsthaft erkrankt? Warum ist sie denn so? Wie kann ich ihr nur helfen? Mit jeder Familienberatung, mit jeder Arztkonsultation bekam ich nur noch mehr eine auf den Deckel. Ich lief leer.

Und dann traf ich Menschen, die mir zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Fragen stellten. Und ich hatte das Glück, dass ich offen war für Hilfe. Das war mein Wendepunkt.

Ich ließ die meiste Angst hinter mir, öffnete mich und ging meinen Weg in die Freiheit. Ich lernte mich durch Erinnern, Achtsamkeit und Meditation neu kennen. Und was ich fand, war unbeschreiblich schön! Wie von Zauberhand wurde alles leicht. Plötzlich nahm ich die Liebe um mich herum wahr. Und ich staunte nicht schlecht: Ich muss gar nichts dafür tun - nur ich selbst bleiben. Was für ein Geschenk.

Alles hatte plötzlich einen Sinn. Und in mir brennt ein Licht, dass so nie mehr erlöschen wird. Und dieses Licht möchte ich mit allen teilen, die dies gebrauchen können.

Auf meinem Weg habe ich nunmehr fast alle (mir bewußten) co-abhängigen Verstrickungen gelöst. Ja und ich habe auch einen Preis dafür bezahlt, was mich dazu führte das Thema Co-Abhängigkeit ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Die Sucht eines Angehörigen (in meinem Fall mein Vater) hat noch Jahrzehnte später Auswirkungen auf Menschen, die davon noch nicht mal wußten (meine Kinder zum Beispiel), jedoch darunter leiden mussten. Ich war auf dem besten Wege diese co-abhängigen Verhaltensweisen an meine Kinder weiter zu tragen. Da mir heute bewusst ist, wieviel Selbstzerstörung darin liegt, ist es mein Anliegen anderen Frauen beim Durchbrechen der Co-Abhängigkeit zu helfen.

Es sind ja auch sonst so wenige Experten in der Welt unterwegs. Ich bin erschrocken, dass das Thema Co-Abhängigkeit in der Entwicklung der 80iger Jahre stecken geblieben ist. Diese Menschen haben kaum eine Anlaufstelle, die sie sieht wer sie und wie sie wirklich sind. Es dreht sich fast immer nur um den Süchtigen selbst. Da werden co-abhängige Frauen in die Selbsthilfegruppe anonymer Alkoholiker eingeladen, was bestenfalls dem Süchtigen hilft. Jede Seele ist es wert unabhängig davon betrachtet zu werden. Das ist meine Überzeugung. Das ist mein Antrieb.

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